„Sei doch nicht so empfindlich!“ „Du brauchst unbedingt ein dickeres Fell!“

Die Nachteile der Hochsensibilität kennt jeder, der etwas empfindsamer als der Durchschnitt der Bevölkerung gelagert ist. Und es gibt Tonnen von Selbsthilfeliteratur und Trillionen von Empfehlungen, wie man als sensible Persönlichkeit durchs Leben kommt. Einen dieser Beiträge habe auch ich verfasst, siehe hier.

Aber wesentlich seltener gehen wir auf die Vorteile ein, die Sensibilität mit sich bringt. Warum?

Ich hatte diesen Artikel etwa zur Hälfte geschrieben und wollte im Internet recherchieren, ob ich wichtige Aspekte vergessen hatte. Google – Fehlanzeige. Selbst Artikel, die mit „Vorteil“ betitelt waren, brachten Tipps gegen die Nachteile.

Fragen kostet nichts

Ich stellte also in einer Gruppe meine Frage. Wo seht ihr die Vorteile, liebe Hochsensible? Pustekuchen! Die Basis der Antworten war mehr als dünn, die meisten jammerten über die Nachteile.

Warum denken Hochsensible nie ihr Talent? Wir besitzen innere Präzisionsinstrumente, nehmen mehr wahr als andere, lesen zwischen den Zeilen und gelangen zu besonderen Erkenntnissen – aber nie zu der Erkenntnis, dass man diese Fähigkeiten feiern und für sich nutzen könnte.

WTF?

Bescheidenheit gehört zu uns. Aber dummerweise sind wir zu bescheiden, um unsere Empfindsamkeit als Talent oder Gabe zu betrachten. Das ist ein Fehler, davon bin ich felsenfest überzeugt. (Schon wieder ein Nachteil!) Es tut uns gut, wenn wir uns mit den Vorteilen auseinandersetzen, die wir vom Universum oder vom lieben Gott mitbekommen haben.

Hier folgt also meine persönliche Hitliste, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Wir sind kreativ

Kreative sind sensibel, Sensible sind kreativ – meiner Beobachtung nach gibt es kaum Menschen, die mehr Ideen haben und coolere Hobbys ausprobieren als wir. Viele von uns schreiben, malen, basteln, musizieren, handarbeiten und gestalten. Erst das Hinterfragen (und im Hinterfragen sind wir nicht nur gut, sondern Spitzenklasse!) bringt Menschen auf Ideen. Deshalb gehören auch viele der besten Wissenschaftler und Erfinder zu unserer Gruppe. Wir finden auch dann noch die Lösung, wenn andere schon längst aufgegeben haben.

Wir haben die Nase vorn im sozialen Bereich

Wenn wir uns nicht ausbrennen lassen, dann gibt es niemanden, der uns in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen, Kindergärten und Schulen, als Lehrer oder als Chef das Wasser reichen kann. Wir finden Zugang zu schwierigen Persönlichkeiten und fühlen uns in andere ein. Die Menschen fühlen sich wohl in unserer Nähe, denn wir verstehen sie.

Wir haben den Überblick

Menschen, die auch an andere denken, sehen die Welt aus einer besonderen Perspektive. Die Sonne dreht sich nicht nur um uns, und wir sind uns dessen jeden Tag bewusst. Wir verstehen, wie unser Umfeld tickt und kommen zu messerscharfen Erkenntnissen. Das können wir nutzen. Im Beruf, bei der Wahl unserer Freunde und unseres Lebenspartners.

Wir sind die besten Freunde überhaupt

Wer sensible Menschen in seinem Freundeskreis hat, darf sich glücklich schätzen. Wir hören zu, lesen zwischen den Zeilen und sind für andere da, auch mitten in der Nacht, wenn es sein muss. Und hier muss ich rasch loswerden, wie dankbar ich für meine wunderbaren Leser bin. Es sind durch die Bank fantastische, liebenswürdige, hilfsbereite und kluge Menschen! Wenn ich eine Bitte habe (zum Beispiel eine Frage wegen der Buchrecherche), so kann ich auf sie zählen. Wenn ich einen schlechten Tag habe, muntern meine Leser mich auf. Sie sind meine Testleser und helfen mir dabei, ein gutes Cover zu entwickeln.

Wir sind gerecht und fair

Lügen, um einen Vorteil zu erlangen, andere übers Ohr hauen – das ist nicht unsere Welt. Wer sensible Menschen als Kunden oder Geschäftspartner hat, darf sich glücklich schätzen. Auf unser Wort kann man sich verlassen.

Ich suche gezielt nach sensiblen und empathischen Dienstleistern, da ich so wesentlich entspannter Bücher schreiben kann.

Wir sind wunderbare Eltern

Obwohl ich als Tante keine direkten Erfahrungen vorweisen kann, so bin ich davon überzeugt, dass Sensible die besten Eltern überhaupt sind. Wir fühlen uns ein und denken darüber nach, was unsere Schutzbefohlenen brauchen. Unter unserer Führung entwickeln sie sich zu positiven und wertgeschätzten Menschen.

Wir sind keine faulen Nüsse

Kennt ihr diese Selbstdarsteller-Menschen, die den lieben langen Tag schauspielern und sich als die Besten ihrer Zunft präsentieren? Oft steckt nur heiße Luft dahinter. Gerade habe ich 21 Euro für ein Programm einer Online-Business-Frau ausgegeben, die ihre Botschaft mit hohlen Phrasen angepriesen hat. Weil ihre kostenlosen Tipps zum Thema Internet gar nicht so schlecht waren, habe ich eine 21-Tage-Challenge bei ihr gebucht. Rausgeschmissenes Geld! Was bekam ich? Ein paar zusammenkopierte Ratgeber-Platitüden, die man im Internet oder auf einem billigen Wühltisch im Buchladen finden kann.

Auf der Seite einer Hochsensiblen erstand ich hingegen Tipps, die es in sich hatten und die ich mir immer wieder ansehe, um das eine oder andere umzusetzen. Sie versprach nicht nur, sie hat geliefert.

Wir trennen die Spreu vom Weizen

Als ich dieses 21-Tage-Ding kaufte, war ich unaufmerksam. Aber mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätte ich die faule Nuss vorher entlarven können. Es gibt so viele Dienstleister und Produkte da draußen, die von unserem Geld leben. Versicherungsvertreter, Bankberater und Coaches seien stellvertretend genannt. Bestimmt fallen dir noch viel mehr davon ein. Autoverkäufer, Diätprogramm-Verkäufer, Marketinggurus, Erfolgstrainer.

Wenn wir uns auf unsere Stärke besinnen und unserer eigenen Entscheidungsfähigkeit folgen, müssen wir auf die ganzen Blender da draußen gar nicht reinfallen. Wir können sie entlarven und in Dinge und Menschen investieren, die es wert sind.

Trust yourself

Vertraue dir. Du besitzt Superkräfte (Okay, das zu denken oder zu schreiben, fällt uns schwer. Mir auch.) Aber wenn du dir das jeden Tag bewusst machst, dass es so ist, wirst du deine Vorteile in Zukunft besser nutzen können.

Ich muss auch erst lernen, darin zu vertrauen, dass ich gute Bücher schreiben kann, die meine Leser bewegen. Jeden Tag erinnere ich mich daran. Der Gedanke gibt mir die Kraft, auch ungewöhnliche Ideen aufzugreifen und sie schriftstellerisch umzusetzen. Denn das Gewöhnliche, das 0-8-15 Buch, das gibt es da draußen schon. Nur ich kann so schreiben, wie ich schreibe, niemand anderes.

Darum glaube an dich. (Wieder so eine hohle Phrase, aber ich meine es ernst.) Vertrau auf deine Spürnase, auf deinen Instinkt. Und dann kannst du meine Aufzählung der Vorteile ins virtuelle Klo spülen und deine eigene Liste entwickeln.

Ich wünsche dir, dass du den Zugang zu deinen Superkräften findest. Denk daran, sie sind immer für dich da.